Das Kürzel „4.0“ scheint derzeit genauso ein Hype zu sein wie das Stichwort „Digitalisierung“. Tatsächlich wurde es von der deutschen Bundesregierung geprägt, die – bereits vor einigen Jahren – ein Arbeitspapier zur „Industrie 4.0“ vorgelegt hat. Worum es geht ist eine „vierte industrielle Revolution“.

Warum 4.0?

Von industriellen Revolutionen sprechen wir, wenn eine Innovation (z.B. die Dampfmaschine) einen revolutionären Wandel in der Industrie- und Arbeitswelt herbeiführt. Zum einen geht es um die Art, wie gewirtschaftet bzw. produziert wird. Zum anderen geht es darum, wie die Menschen in dieser Welt arbeiten. Aus diesem Grund verwendet KAOS Coaching & Development den Begriff „Arbeiten 4.0“.

1.0 bis 4.0

Es lohnt sich, einen Blick auf die revolutionären industriellen Entwicklungen der Vergangenheit zu werfen und die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitswelten. So können wir verstehen, wo wir heute stehen. Und nur so können wir sinnvoll darauf aufbauen. Denn es muss nicht jede Sau durchs Dorf getrieben werden. Aber es dürfen auch keine Realitäten verleugnet werden.

1. Industrialisierung: Dampfmaschine und Einführung der Lohnarbeit

Zwar gab es auch im Mittelalter vereinzelt Dienstverhältnisse, bei denen Beschäftigte gegen Geldlohn Arbeit verrichteten. Die eigentliche Begründung der Lohnarbeit (wie wir sie heute kennen) fällt jedoch mit der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts zusammen, die durch eine Vielzahl technischer Errungenschaften, vornehmlich die Erfindung der Dampfmaschine, geprägt war. In Großbritannien wurde die damals wichtige Textilindustrie durch Innovationen wie die Spinnmaschine Spinning Jenny revolutioniert. Dampflokomotiven und die Einführung der Eisenbahn veränderten den Gütertransport maßgeblich, die Bergbauindustrie boomte. Die Gesellschaft wandelte sich von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft. Die heutigen Industriestaaten erlebten eine Bevölkerungsexplosion. Handarbeit wurde mechanisiert, aus den Manufakturen wurden Fabriken. Voraussetzung waren die so genannten Bauernbefreiungen, welche eine freie Wahl des Wohnsitzes mit sich brachten und zur Landflucht bzw. Urbanisierung der Gesellschaft führten. Das Fabriksystem der Industrialisierung veränderte die Beschäftigungsbedingungen massiv und brachte die so genannte soziale Frage mit sich: Große Teile der Bevölkerung, vornehmlich Bauern und Handwerker, verarmten unter den gewandelten ökonomischen Bedingungen. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren bis zur Einführung sozialer Gesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts teilweise katastrophal, die Kluft zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen enorm.

Ds Konzept der Lohnarbeit und unser Sozialversicherungssystem stammen aus dieser Zeit – ebenso wie die Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Das Konzept „Home Office“ ist  viel älter als die meisten vermuten!

2. Massenproduktion und Fließbandarbeit

Anfang des 20. Jahrhunderts begründete Henry Ford (1863 – 1947) die industrielle Massenproduktion. Sie basiert auf dem so genannten „Taylorismus“, benannt nach dem US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor (1856 – 1915). Dieser schlug vor, Arbeitsprozesse im Detail zu analysieren und dann jedem Arbeiter einen detaillierten und standardisierten Prozessschritt zuzuweisen (horizontale Spezialisierung). Für jeden Prozessschritt sollte das Personal individuell und optimal entsprechend der (physischen und psychischen) Anforderungen ausgewählt werden. Zudem wurden finanzielle Leistungsanreize eingeführt. Hand- und Kopfarbeit sollten strikt getrennt werden, also die ausführenden Tätigkeiten der Arbeiter von der überwachenden Tätigkeit der Manager unterschieden werden (vertikale Spezialisierung). Henry Ford verknüpfte diese Prinzipien mit dem Fließband und schuf damit die Grundlage für die moderne Massenproduktion. Produktionsgewinne und Effizienzsteigerung waren enorm. Ford gelang es, durch Schichtarbeit die Maschinenlaufzeiten von der individuellen Arbeitszeit zu entkoppeln. Die Arbeitsbedingungen veränderten sich erheblich. Monotone Arbeitsabläufe und hohe physische und psychische Belastungen führten jedoch zu einem hohen Krankenstand.

Die Themen „Stress“, „Depression“ und „Burn Out“ sind keineswegs Produkte des 21. Jahrhunderts, sondern bekannte Phänomene verschiedener Arbeitswelten. Unsere 8-Stunden-Tage, oder 9-to-5 jobs sowie das Konzept des Managements verdanken wir dieser Ära. Wie zeitgemäß das Konzept ist, Leistung durch Zeit bzw. bloße Anwesenheit am Arbeitsplatz zu berechnen, ist eine große Frage der neue Arbeitswelt. Die so genannten „Digital Nomads“, die ohne festen Arbeitsort arbeiten, sind ein großartiges Beispiel für neue Konzepte.

3. Automatisierung und Entstehung der Dienstleistungsgesellschaft

Ein großer Nachteil des Ford’schen Produktionssystems bestand vor allem in der mangelnden Flexibilität. Ford brachte dies durch einen Ausspruch auf den Punkt: „Any customer can have a car painted any colour that he wants so long as it is black.“ Das änderte sich mit der dritten industrielle Revolution in den 1970er Jahren: die Automatisierung. Monotone und starre Produktionsabläufe wurden zunehmend von Maschinen übernommen, Fertigungssysteme flexibilisiert. Automatisierung ist aus modernen produzierenden Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Ein wichtiges Ergebnis für die automatisierte Produktion ist die Erreichung und Einhaltung von Qualitätsstandards; die zunehmende Weiterentwicklung im IT-Bereich hat dazu geführt, dass Maschinen die menschliche Arbeitskraft teilweise bei weitem übertreffen. Für den Arbeitnehmer bedeutet die Automatisierung den Wegfall von monotonen Routinetätigkeiten.

Mit der Einführung von PCs wurden nicht nur handwerkliche, sondern vermehrt auch Bürotätigkeiten automatisiert. Ein weiterer Trend, den die dritte industrielle Revolution mit sich brachte, ist die Entwicklung von Industriestaaten hin zu „Wissensgesellschaften“. Das bedeutet, dass sich die Arbeitsplätze vom produzierenden Gewerbe hin zum Dienstleistungssektor verlagern. Man spricht auch vom Ende der „Industriegesellschaft“.

4. Digitalisierung und die neuen Wissensarbeiter

Mit der Entstehung der Wissensgesellschaft geht ein gesellschaftlicher Wertewandel einher. Die neuen Wissensarbeiter sind selbstbewusst und anspruchsvoll – und aufgrund des Fachkräftemangels heute schwer gefragt. Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, wenn sie den Wettbewerb um die besten Köpfe gewinnen wollen. Dieser wird verschärft durch den demographischen Wandel: In Deutschland schrumpft die Gesamtbevölkerung stetig, und damit auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.

Umfragen zeigen, dass ein sicherer Arbeitsplatz weiterhin oberste Priorität hat. Gleichzeitig möchten die Menschen nicht, dass die Arbeit den Takt vorgibt. Flexibilität ist gefragt. Dies bezieht sich sowohl auf die Selbstbestimmung über die tägliche Arbeitszeit als auch auf flexible Beschäftigungsmodelle. Die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf brennt an jeder Ecke. In Zeiten des Fachkräftemangels ist es kaum zu glauben, dass hochqualifizierte Frauen immer noch schwer einen Fuß in die Tür bringen, wenn sie nach der Babypause zurück an den Arbeitsplatz kehren. Die Zunahme der älteren Bevölkerung bringt zusätzlich den wichtigen Aspekt der Pflege von Angehörigen ins Spiel. Die Antworten von Politik und Wirtschaft auf diese Fragen sind bislang erschreckend dünn.

Die Integration von Migranten – seien es Flüchtlinge, oder solche mit einem anderen Aufenthaltstitel – stellt nicht nur Unternehmen, sondern die Gesellschaft vor völlig neue Herausforderungen. Viele Unternehmen hoffen, durch Zuwanderung den Fachkräftemangel kompensieren zu können. Das passiert nicht automatisch – hier sind Konzepte gefragt, die beide Seiten – also alt- und neueingesessene Mitarbeiter – vorbereiten, sensibilisieren und stärken.

Die Welt wird schneller, dynamischer und komplexer, der Wettbewerb global. Wer am Markt bestehen will, muss sich diesen Herausforderungen stellen. Das Schlagwort heißt „Innovation“. Innovationen sind nichts Neues. So wird Henry Ford das Zitat zugeschrieben „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ In der heutigen Zeit hat man jedoch den Eindruck, dass eine Innovation die nächste jagt. Die Kombination aus Digitalisierung und Globalisierung verleiht Innovationen eine völlig neue Dynamik. Eindrucksvolle Beispiele für „disruptive Innovationen“ lieferte Steve Jobs mit dem Unternehmen Apple. Er bewies, dass ein Unternehmen durch Innovationen in der Lage ist, etablierte Großkonzerne und langjährige Marktführer zu verdrängen. Der iPod eroberte den bis dato vom Sony-Walkman besetzten Musikmarkt; das iPhone trieb den Handy-Weltmarktführer Nokia fast in den Konkurs. Heute ist das Smartphone aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Apple und Google sind die wohl prominentesten Beispiele für den Paradigmenwechsel in unserer Wirtschaftsordnung: Diese wird nicht mehr nur durch Größe bestimmt, sondern durch Innovationskraft. Die Verteidigung des erreichten Status ist lange nicht mehr ausreichend, will ein Unternehmen auch künftig am Markt bestehen bleiben. Natürlich haben früher schon innovative Erfindungen Produkte und gegebenenfalls ganze Unternehmen vom Markt verdrängt. So hat die Dampfschifffahrt die Segelschiffe abgelöst und das Auto die Pferdekutsche. Digitale Innovationen benötigen jedoch oft relativ wenig materielles Startkapital und Investitionen. Das macht sie schnell.

Arbeiten 4.0 birgt Chancen und Risiken – wie jede Revolution. Unternehmen sind gefragt, sich zu erneuern und gleichzeitig auf den vorhandenen Ressourcen aufzubauen. Es geht darum, den Wandel sinnvoll und ganzheitlich zu gestalten – das funktioniert nur, indem die Mitarbeiter motiviert und eingebunden werden. Starre hierarchische Prozesse haben in der neuen Arbeitswelt nichts verloren – und werden nicht überleben können. Das bedeutet Paradigmenwechsel auf vielen Ebenen:

  • flexible organisationale Prozesse und Strukturen, die der enormen Dynamik und Komplexität Rechnung tragen
  • visionäres und selbstbewusstes Leadership, das Mitarbeiter motiviert, eine klare Richtung vorgibt und flexibel auf Veränderungen reagiert
  • kompetente Mitarbeiter, die individuelle Stärken und Potenziale einbringen und entfalten können
  • Raum für Kreativität und Neuerung, um die Innovationskraft der Organisation und der Mitarbeiter zu ermöglichen

Dabei begleitet KAOS Coaching & Development Sie und Ihre Mitarbeiter gerne.